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"Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?"

Matthäus 16,26

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Martin Hinteregger wollte weg. Weg vom FC Augsburg, wo er beim Trainer in Ungnade gefallen war, und hin zu Eintracht Frankfurt, wohin man ihn für die vergangene Bundesliga-Rückrunde verliehen hatte, und wo er in dieser Zeit zum Publikumsliebling avancierte. Mit vielen kleinen Nadelstichen nach seiner Rückkehr nach Augsburg - er blieb dem obligatorischen Mannschaftsfoto aufgrund eines Arzttermins fern und betrank sich zünftig auf einem Dorffest zum Ende des Trainingslagers - erreichte der Fußballer schließlich sein Ziel: Er durfte dauerhaft in die Main-Metropole wechseln. Aber: "Ich bin kein Dembelé", verteidigte sich Hinteregger vor der Presse und der Öffentlichkeit, die ihm einen SpielerStreik unterstellten, um seinem weiterhin gültigen Vertrag mit dem FC Augsburg zu entkommen.

Damit bezog sich Hinteregger auf einen der spektakulärsten Fälle erzwungener Vertragsauflösung durch einen Spieler im deutschen Profi-Fußball: 2017 erschien Ousmane Dembelé einfach so lange nicht mehr zum Training und zu den Spielen seines Vereins Borussia Dortmund, bis er schließlich zu seinem Wunschverein FC Barcelona wechseln konnte. Vor wenigen Wochen erzwang der Kapitän von Arsenal London, Laurent Koscielny, ebenfalls seinen vorzeitigen Wechsel nach Bordeaux.

Solche Fälle erregen regelmäßig die Gemüter von Fans - und so auch meines. Denn sie verstoßen gegen ein fundamentales Prinzip unseres gesellschaftlichen Miteinanders, das Jesus im Monatsspruch für den September in eine rhetorische Frage kleidet: Das Prinzip heißt Anstand. Verträge sind einzuhalten - das wussten schon die alten Römer. Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen, sagt der Volksmund. Aber Anstand, das scheint heute häufig keine Kategorie mehr zu sein, die unsere Handlungen leitet.

Man sieht es dort, wo Menschen bei Unfällen auf der Autobahn die Rettungsgasse blockieren oder mit ihren Smartphones Bilder von Unfallopfern zu schießen versuchen, wobei sie nicht selten auch noch die Rettungskräfte behindern. Und man sieht es bei Fußballern wie Dembelé und Koscielny, die rücksichtslos ihre Eigeninteressen durchboxen. Dass sie eine Vorbildfunktion für ihre Fans - vor allem für Kinder und Jugendliche - haben, scheint sie angesichts lukrativerer Vertrags- und Gehaltsbedingungen wenig zu kümmern. Dabei ist Anstand das, was unsere moralische Integrität sichert. Er ermöglicht ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben. Und wo er verloren geht, gibt es nur noch wenig, was uns daran hindert, wie Wölfe übereinander herzufallen.

Ich wünsche mir und uns, dass anständiges Handeln wieder die Oberhand über den Egoismus gewinnt. Es geht um unsere Integrität, um unsere Humanität, um unsere Seelen. Denn: "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?"

Seien Sie herzlich gegrüßt und bleiben Sie Gott befohlen!

Pfarrer Thomas Reitz

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