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Monatsspruch August 2021: Neige, HERR, dein Ohr und höre! Öffne, HERR, deine Augen und sieh her! (2. Könige 19,16)

Das Seufzen des Königs

Auch mehrere Wochen später sind die Spuren der Verwüstung noch längst nicht beseitigt.
Sie haben sich hineingegraben, die Wassermassen. Hineingegraben in die Land- und Ortschaften an Rhein, Erft und Sieg. Hineingegraben in die Psyche der Menschen rund um Euskirchen, Ahrweiler und die Eifel. Hineingegraben in das Gedächtnis von uns allen, die wir die apokalyptischen Bilder im Fernsehen mitverfolgt haben. Eine Flutwelle von geradezu biblischen Ausmaßen hat Mitte Juli große Teile von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, aber auch von Baden-Württemberg und unseren westlichen Nachbarstaaten verwüstet. Die Not ist groß bei den betroffenen Menschen. Manch eine*r hat nicht einmal mehr eine Kreditkarte oder Kleidung zum Wechseln. Und in den Lärm der Aufräumarbeiten, in das Durcheinander der Diskussion um Schuld und Verantwortung für mangelnde Alarmsignale mischt sich das Seufzen der Betroffenen.

Mit einem königlichen Stoßseufzen konfrontiert uns der Monatsspruch für den Monat August. Es ist das gewaltige Seufzen eines jüdischen Königs namens Hiskia. Er fürchtet die fremde Macht Assyrien, die das Königreich Juda und seine Hauptstadt Jerusalem bedrohen. Ihn besorgt die Not, die Und er wendet sich mit Hilfe des Propheten Jesaja an den Gott seiner Väter, den Gott Israels: „Herr, hab ein offenes Ohr für mich und höre! Mach die Augen auf und sieh her!“ Die Angst des Königs um sich und sein Volk ist groß; wie ja das Seufzen immer groß ist, wenn die Angst und die Verzweiflung mächtig sind. Seufzer sind zeitlos. Sie können sehr viele unterschiedliche Anlässe haben. Aber sie klingen immer gleich: „Höre, Herr, sieh her!“ Es ist eine Mischung aus Anklage und Wehklage. „Sieh dir an, wohin du mich gebracht hast! Jetzt schau nicht noch weg, sondern hör dir wenigstens an, was ich zu klagen habe!“ All das höre ich in diesem erschütternd aufrüttelnden  Seufzen des Königs Hiskia. Ängstliche meinen ja oft, dass Gott sich abgewandt habe oder weghöre. Dann will man ihn herbeirufen, herbeizitieren, herbeiklagen. Wenn die Not wie eine Welle über dir zusammenschlägt, willst du dich an Gott festhalten – und sei es durch Klagen und Schreien. Wo ist Gott denn, wenn die Not so groß werden kann?

Dieser Frage entkommt niemand von denen, die an Gott glauben. Sie greift unseren Glauben häufig an, wenn solche schlimmen Unglücksfälle geschehen. Und ja, auch gläubige Menschen müssen mit dem Gefühl der Abwesenheit Gottes zurechtkommen. Oder ist das etwa mehr als ein Gefühl? Ist Gott wirklich abwesend oder irgendwie woanders? Das hat sich das Volk Israel, das von Gott erwählte Volk, in seiner Glaubens- und Religionsgeschichte oft gefragt. Das hat sich selbst Jesus gefragt, nicht nur am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und das fragten und das fragen sich unzählige Christenmenschen in Geschichte und Gegenwart der Kirche. Knapp und klar gesagt: Eine immer gültige und bündige Antwort auf diese Frage nach der Ferne Gottes gibt es wohl nicht. Außer der einen, die er selbst einmal gab: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ (Exodus 3,14) Dass wir Gottes Nähe nicht immer fühlen können, heißt nicht, dass Gott uns nicht nahe ist.

Doch jeder Aufschrei des Zorns und jede Aufwallung von Wut gegen Gott ist verständlich und nachvollziehbar angesichts solcher Unglücksfälle und angesichts solcher Not, die wir bei dieser Jahrhundertflut gesehen haben. Gott hält beides aus, unseren Zorn und unsere Wut auf ihn. Denn wer solche Emotionen zeigt, wer solche Fragen nach der Abwesenheit Gottes stellt, der hält doch wenigstens an seiner Beziehung zu Gott fest. Viel trauriger wäre es wohl, wenn solche Unglücke gar keine Emotionen und Fragen und Anklagen in Bezug auf Gott und auf den Glauben an ihn hervorriefen. Aber mit Gott im Gespräch zu bleiben, und sei es in einem zornigen Streit, das ist besser als sich von ihm gänzlich loszusagen. Ihm die eigene Not anklagend vorzuhalten und ihn zur Verantwortung zu rufen: „Nun hör mir zu! Sieh es dir an!“ Das entlastet. Und mein Glaube und meine Erfahrung sagen mir: Gott wird antworten. Nicht sofort. Und nicht so, wie wir es fordern oder erwarten. Aber die Spuren seiner Nähe und seines Trostes werden sich zeigen.
Wir leben nicht nur mit der Liebe Gottes, sondern auch mit dem Rätsel, das Gott uns oft ist. Gott ist fascinosum („faszinierend“) und tremendum („erschütternd“) zugleich, schreibt der Religionswissenschaftler Rudolph Otto bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seinem Buch „Das Heilige“. Wir leben in Dankbarkeit für die Zuwendung Gottes, die uns in Freundlichkeit leben lässt – wir leben aber auch in der Finsternis, die Gott abwesend erscheinen lässt. Wir erleben und empfinden beides; in uns und an anderen. Daraus gibt es keinen Ausweg. Dann bleibt uns nur der Ruf nach Gott: „Höre, Herr, sieh her!“ Und die Hoffnung in diesem Ruf, dass Gott sich bald zeigt und unsere Not wendet.

 

 

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