Menu
Menü
X

Gegen das Schweigen, für den Mut! Was wir aus dem Urteil gegen George Floyds Mörder lernen können

Monatsspruch Mai 2021: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen.“ (Sprüche 31,8)

9 Minuten und 29 Sekunden. So lange presste der weiße Polizist Derek Chauvin am 25. Mai 2020 sein Knie auf das Genick des Schwarzen George Floyd. 9 Minuten und 29 Sekunden lang drückte er bei einem Einsatz in Minneapolis dem am Boden liegenden Floyd die Luft ab. 9 Minuten und 29 Sekunden scherte er sich weder um Floyds inzwischen zu einem Fanal gewordenen Hilferuf: „I can’t breathe!“ („Ich bekomme keine Luft mehr!“) noch um die flehentlichen Bitten und Interventionen von Passanten, die diesen brutalen und schockierenden Fall von Polizeigewalt auf offener Straße zu stoppen versuchten. Selbst als George Floyd schon nicht mehr atmete, nahm Chauvin sein Knie nicht weg. Am 20. April 2021 ist er dafür von einem US-Gericht in allen Anklagepunkten als Mörder und Totschläger schuldig gesprochen worden.

 

Es soll hier nicht um eine Verdammung des Bösen, in diesem Fall des Haupttäters Derek Chauvin, gehen. Das wäre zu einfach, auch wenn diese Gewalttat jeden normal denkenden und fühlenden Menschen fassungslos zurücklässt. Der schwarze Baptistenprediger Al Sharpton sagte nach dem Urteil: „Wir feiern nicht, dass ein Mann ins Gefäng-nis geht. Uns wäre es lieber, wenn George noch am Leben wäre.“ Es soll an dieser Stelle nicht um wohlig-distanziertes Gruseln vor so viel Brutalität oder um die allzu leichte moralische Verurteilung von ei-nem höheren Standpunkt aus gehen. Sondern ich will hier kurz auf die schauen, die – anders als Derek Chauvin – bei diesem Verbrechen und auch bei dem Prozess nicht in der ersten Reihe standen. Gemein-sam mit Chauvin waren in Minneapolis nämlich auch seine drei Kol-legen angeklagt, die bei dem Einsatz ebenfalls dabei waren: Alexander Keung, Tou Thao und Thomas Lane hatten bei der Verhaftung George Floyds noch mitangepackt. Doch 9 Minuten und 29 Sekunden lang standen sie daneben und schauten zu, wie ihr Kollege Chauvin einen wehrlosen Unbewaffneten ermordete. Sahen zu, wie George Floyd langsam erstickte.

 

„Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen.“ So steht es im Buch der Sprüche. Dieser Vers steht als Monatsspruch über dem Mai 2021. Und er konterkariert in drastischer Weise das Verhalten der drei Polizisten ihrem Kollegen Chauvin, vor allem aber dem Opfer George Floyd gegenüber. Dass Polizist*innen in den USA durch die Allgegenwart von Waffen einer besonderen Bedrohung ausgesetzt sind, weil selbst eine normale Fahrzeugkontrolle in einer Schießerei enden kann. Dass sich dadurch unter den Polizist*innen ein besonders strenger Korpsgeist herausgebildet hat, den Medien wegen der blauen Polizeiuniformen in den USA als „Blue Wall“ („blaue Wand“) bezeichnen. Dass einer der drei Kollegen Chauvins an diesem 25. Mai 2020 gerade erst seit kurzem überhaupt im Dienst war. All das sind Erklärungen für das Verhalten der drei Mit-Totschläger. Aber sie sind keine Entschuldigungen. Es gibt keine Entschuldigung dafür, nicht helfend einzugreifen, wenn ein Mensch einem anderen die Luft abdrückt und im Begriff ist, ihn zu ersticken. Erwachsene Menschen müssen in solch einer Situation reagieren. Sie müssen dann ihren Mund auftun für den Stummen und für das Recht aller Schwachen. Darüber kann es keine zwei Meinungen geben. Aber: Hätte ich denn helfend eingegriffen? Hätte ich meinen Mund aufgetan für den Stummen und das Recht aller Schwachen? Am grünen Tisch, auf dem heimischen Sofa oder auf dem hohen Ross der moralischen Überlegenheit fällt mir die Antwort leicht: Ja, klar! Natürlich! Sofort wäre ich herbeigesprungen und hätte den Stummen und den Schwachen gerettet. Wie kann man sich nur anders verhalten?!

 

Doch ich kenne ähnliche Situationen. Der Obdachlose im Hauseingang, an dem ich in einer bitterkalten Winternacht vorbeigehe: Müsste ich jetzt nicht meinen Mund auftun für diesen Stummen, ihn ansprechen, anfassen und ihm eine Notunterkunft besorgen? Der geflüchtete Mensch, der vor meinen Augen von einer Gruppe Rechter und Nazis bedrängt wird: Müsste ich jetzt nicht meinen Mund auftun für die Unversehrtheit dieses Schwachen? Der jüdische Junge, der in der U-Bahn wegen der Kippa auf seinem Kopf attackiert und beleidigt wird – „Scheiß-Jude!“, „Ihr esst doch kleine Kinder!“: Müsste ich nicht genau jetzt meinen Mund auftun, um diesen Stummen zu verteidigen? Aber so oft gibt es einen Grund, der mich davon abhält: Wenn der Obdachlose nun betrunken ist und aggressiv wird? Ich würde ja meinen Mund auftun, aber ich bin gerade echt spät dran und habe noch diesen wichtigen Termin gleich. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ – soll sich doch die Polizei darum kümmern! Am Ende gerate ich noch zwischen die Fronten.

 

Und all das sind nachvollziehbare, valide Gründe. Es braucht Mut, sie beiseite zu schieben und zu tun, was nötig ist: seinen Mund aufzutun für den Stummen und für das Recht aller Schwachen. Deshalb sind der Monatsspruch für den Mai 2021 und seine Karikatur im Fall George Floyd für mich weniger ein Grund, die Brutalität, Hartherzigkeit und Lebensfeindlichkeit der Polizisten Chauvin und Co. zu beklagen und zu verurteilen. Viel mehr will ich im Mai 2021 Gott verstärkt um solchen Mut, um solche Zivilcourage bitten. Denn dass wir von unserem eigenen Wohlergehen absehen, es hintanstellen und dem Schwachen zu Hilfe eilen, der gerade zum Schweigen gebracht wer-den soll, dafür brauchen wir Gottes Heiligen Geist. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“, so steht es im 2. Timotheusbrief. Um diesen Geist will ich Gott bitten, damit ich es beim nächsten Mal schaffe: damit ich eingreife, dem Rad in die Speichen greife, meinen Mund auftue für den Stummen und für das Recht aller Schwachen – und das mit Gottes Kraft, seiner Liebe und auch mit ausreichend Besonnenheit.

top